Lebensmittel-Kennzeichnung: Kalorienzahl soll Verfettung stoppen
Konzerne wie Danone oder Nestlé wollen Nährwerte ihrer Lebensmittel einheitlich auf der Packungsvorderseite angeben - um Verbraucher zu sensibilisieren. Ein Ampelsystem mit roten Punkten (wie beispielsweise in England vorgeschrieben) für Dickmacher lehnt die Branche als "Diskriminierung bestimmter Lebensmittel" ab.
Angriff ist die beste Verteidigung.
Das denken offenbar die Manager großer Lebensmittelhersteller und gehen in der Diskussion um eine strengere Kennzeichnungspflicht von Lebensmitteln in die Offensive. Sie wollen Dickmacher in ihren Produkten künftig auf der Verpackung kenntlich machen. Wie die "Berliner Zeitung" berichtet, sollen künftig einheitliche Nährwerte gut sichtbar auf der Vorderseite der Verpackung stehen. "Von dem Konzept erhofft sich die Branche auch einen Bewusstseinswandel beim Kunden", wird Katja Praefke vom Konzern Unilever zitiert. Mit den neuen Etiketten gebe es zum ersten Mal eine direkte Vergleichbarkeit, betonte Kellogg's-Sprecher Horst Wilms.
Darüber hinaus beteiligen sich dem Bericht zufolge Coca-Cola, Danone, Kraft, Nestlé, Pepsico, Masterfoods und Campbells. Geplant sei eine Kalorienangabe pro Portion auf der Vorderseite der Verpackung, dahinter dann der prozentuale Anteil an der empfohlenen Tagesration.
Auf der Rückseite sollen schließlich detaillierte Angaben zu Zucker, Fett, gesättigten Fettsäuren und Salz stehen. Diese sollen ebenfalls auf die komplette Portion sowie auf die Menge von 100 Gramm und als Anteil am Richtwert der Tageszufuhr berechnet werden. Die ersten Cornflakes-Kartons und Getränkeflaschen mit den genormten Angaben stehen dem Bericht zufolge schon in den Supermarktregalen, die Kennzeichnung anderer Produkt soll in diesem Sommer, spätestens aber bis 2009 folgen.
Gute Ernährung ist nicht einfach, sagt die Branche
Hintergrund ist die Diskussion über die Einführung einer Lebensmittel-Kennzeichnung nach angelsächsischem Vorbild. In Großbritannien gibt es etwa ein Ampel-Modell mit grünen, gelben und roten Punkten auf den Waren. Die im Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) organisierte Branche wehrt sich vehement gegen eine solche nach BLL-Aussage "pauschale Bewertung" von Lebensmitteln.
"Die Ampelkennzeichnung diskriminiert bestimmte Lebensmittel oder Lebensmittelkategorien ohne Rechtfertigung", heißt es in einem Positionspapier des Verbandes. Bei der Ampel gehe es um die Abwertung von Erzeugnissen mit vermeintlich schlechtem Nährwertprofil. Durch die Ampel werde dem Verbraucher suggeriert, er könne sich ohne weiteres Nachdenken gesund ernähren, wenn er nur möglichst viele Produkte mit grünen Punkten wähle. So einfach sei die Sache jedoch nicht.
Dies sehen Unionspolitiker ganz ähnlich - im Unterschied zu Vertretern der Grünen und der Linken, die für eine Ampelkennzeichnung eintreten. Die Bundesregierung hält es für verfehlt, eine radikal einfache Kennzeichnung für Lebensmittel einzuführen, wie Bundesverbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) jüngst erklärte. Der Verbraucher könne dadurch einen falschen Eindruck bekommen, sagte der Minister, nämlich dass er etwa Produkte mit einem roten Punkt gar nicht mehr essen dürfe.
"Strategie der Vorwärtsverteidigung"
Verbraucherschützer halten den Konzernen angesichts der Pläne allerdings vor, genau dieses Ampel-System und damit eine Vergleichbarkeit verhindern zu wollen. Der stellvertretende Geschäftsführer der Organisation Foodwatch, Matthias Wolfschmidt, sprach von einer Strategie der Vorwärtsverteidigung.
Auch der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) kritisierte das Vorhaben: "Wir hätten auf der Vorderseite gerne ein EU-weit einheitliches, klares und eindeutiges Zeichen gehabt, das nicht nur den Brennwert, sondern auch die Nährstoffrelationen berücksichtigt", sagte die vzbv-Ernährungsexpertin Angelika Michel-Drees.
Der BLL-Geschäftsführer, Peter Loosen, begrüßte den Vorstoß der Konzerne als "grundsätzlich positiv". Der Branchenverband empfiehlt seinen Mitgliedern allerdings nur die freiwillige Angabe von Kalorien, Eiweiß, Kohlenhydraten und Fett. Der weitergehende Schritt der großen Konzerne würde die kleinen Unternehmen überfordern, sagte Loosen.
Quelle: SPIEGEL ONLINE - 29. Mai 2007, 16:16
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