EU will bis 2010 die schlimmsten Dickmacher verbannen
Kinder in Europa werden immer dicker. Schon jetzt haben 22 Millionen Übergewicht - nun stellt die EU der Lebensmittel-Industrie ein Ultimatum: Salz-, Fett- und Zuckergehalt müssen sinken, die Werbung für Süßigkeiten eingeschränkt werden. Sonst gibt es schärfere Gesetze.
Einen "sprunghaften Anstieg" des Problems bei Kindern beklagt EU-Gesundheitskommissar Markos Kyprianou. Knapp 22 Millionen Kinder in der EU seien übergewichtig - und jährlich kommen etwa 400.000 dazu. Drei Millionen Schulkinder seien regelrecht fettleibig. "Sport muss wieder als Spiel und Spaß betrieben werden, nicht mehr nur als Wettbewerb", forderte er. Jeder dritte Europäer treibt Studien zufolge in seiner Freizeit keinerlei Sport.
Wegen der zunehmenden Zahl dicker Kinder schlägt die EU-Kommission jetzt Alarm und droht der Nahrungsmittelindustrie mit Gesetzen. Kyprianou warnte am heutigen Mittwoch in Brüssel vor einem "sprunghaften Anstieg" der Zahl übergewichtiger oder fettleibiger Europäer. Mehr als die Hälfte der Erwachsenen in den meisten EU-Ländern seien bereits betroffen. "Die Zahlen sind erschreckend", sagte Kyprianou.
Auf gesetzliche Regelungen will Kyprianou trotzdem zumindest vorerst verzichten. Die Industrie habe zweieinhalb Jahre Zeit, den Salz-, Fett- und Zuckergehalt von Lebensmittelprodukten zu senken und die Werbung für Süßigkeiten oder Chips einzuschränken, sagte der Gesundheitskommissar. Vor allem speziell an Kinder gerichtete Werbung für diese Produkte müsse aufhören. 2010 will Kyprianou dann überprüfen, ob seine Appelle gefruchtet haben oder "ob wir strengere Gesetze erlassen müssen".
Der EU-Kommissar verlangte außerdem eine bessere Kennzeichnung von Lebensmitteln: "Die Verbraucher entscheiden, was sie essen wollen, aber sie sollten in der Lage sein, ihre Entscheidungen kenntnisreich zu treffen und aus einem gesunden Angebot wählen zu können", sagte Kyprianou. Bis Ende des Jahres werde die Kommission Vorschläge für eine bessere Angabe des Nährstoffgehalts von Lebensmitteln vorlegen.
Gestern erst hatten Konzerne für den deutschen Markt eine Kalorienangabe auf der Packungsvorderseite angekündigt. Kritiker warfen der Branche daraufhin vor, auf diese Weise drastischere Kennzeichnungen, etwa mit roten Punkten für Dickmacher, verhindern zu wollen.
Der Bundesverband Deutscher Ernährungsmediziner (BDEM) hat zu hohe Erwartungen an die Auszeichnung von Lebensmitteln gedämpft. "Wir werden dadurch nicht zu einem Volk von Schlanken. Die Dosis macht das Gift", sagte BDEM-Präsident Udo Rabast. Für Gesundheitsbewusste seien die Angaben hilfreich, aber die gleichgültigen Konsumenten würden sich davon wohl nicht beeinflussen lassen.
Ohnehin werden nicht alle Hersteller der freiwilligen Regelung der Konzerne folgen und ihre Kalorienbomben als solche kennzeichnen. Die Bäcker der Dresdner Christstollen etwa wollen das traditionsreiche Gebäck auch künftig nicht besonders etikettieren. "Der Dresdner Weihnachtsstollen ist fetthaltig und schwer. Das weiß jeder Verbraucher", sagte der Vorsitzende des Schutzverbandes Dresdner Stollen, Hans-Jürgen Matzker.
Eine Kennzeichnung mit einem Ampelsystem hält der Ernährungsmediziner Rabast wie auch die Lebensmittelbranche nicht für hilfreich. "Man muss das schon differenzierter darstellen", sagte er. Das Ampelsystem markiert Produkte mit hohem Fett- oder Zuckergehalt mit einem roten Punkt, gesunde mit einem grünen und jene mit mittlerem Zucker- oder Fettanteil mit einem gelben Punkt.
Quelle: SPIEGEL ONLINE - 30. Mai 2007, 18:23
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