Naturheilkunde von A bis Z
Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass man einen Text nur dann versteht, wenn man auch die Worte definieren kann, die in den Texten vorkommen. Es ist nicht zu vermeiden, dass wir in unseren Texten Worte verwenden, die Sie vielleicht nicht immer verstehen. In unserem Lexikon finden Sie Antworten.


Antibiotika können zu einer Resistenz von Bakterien führen. Problematisch ist die Verschreibung von Antibiotika bei banalen Infekten. So schätzt Michael Kresken von der Paul-Ehrlich-Gesellschaft, daß jedes zweite Rezept für Antibiotika überflüssig ist. Beispielhaft die Verschreibungspraxis bei Bronchitis. Nur fünf Prozent der Hustenfälle sind auf Bakterien zurückzuführen. Der Rest wird über Viren verursacht, gegen die Antibiotika keinerlei Wirkung zeigen.
In England wurde ermittelt, dass der Einsatz von Antibiotika den Erkrankten lediglich einen Tag schneller gesunden ließen. Bei einer Mittelohrentzündung sind nur 30 Prozent der Fälle auf Bakterien zurückzuführen und der Rest auf Viren. Antibiotika sollten jedoch nur eingesetzt werden, wenn es unbedingt nötig ist. Dies gilt zum Beispiel für Lungenentzündung und fieberhafte Harnwegsinfektionen. Die Therapie sollte auch konsequent zu Ende geführt werden. Denn durch wiederholte unterdosierte Antibiotika gibt man Bakterien Gelegenheit, Resistenzen auszubilden und Resistenzgene untereinander auszutauschen.
Dieser Gen-Austausch findet insbesondere in Krankenhäusern statt, wo unterschiedliche Bakterienstämme in Kontakt miteinander kommen können und von Bett zu Bett getragen werden. So wird die Bildung von Resistenzen gefördert und auch die Verbreitung resistenter Keime (infektiöser Hospitalismus). In den USA sind etwa 70 % der in Krankenhäusern erworbenen infektiösen Keime (und gleichzeitig jeder zweite Eitererreger ) resistent gegen mindestens ein Antibiotikum. Oft sind Patienten mit Bakterienstämmen infiziert, die gegen mehrere Antibiotika resistent sind (Multiresistenz). Dabei treten besonders bestimmte Bakterien als sog. Problemkeime auf (MRSA, Pseudomonas, E.coli). Schätzungen der CDC gehen für die USA von zwei Millionen im Krankenhaus erworbenen Infektionen für das Jahr 2004 aus, etwa 90.000 dieser Patienten werden daran sterben. Für andere Industrienationen ist von einer vergleichbaren Situation auszugehen. So infizieren sich in Deutschland derzeit etwa eine Million der 15 Millionen Patienten im Krankenhaus. In England und Wales verstarben 1992 51 Patienten an Infekten mit resistenten Mikroben. Im Jahre 2002 waren es gar 800. Besonders anfällig sind Patienten mit Immunschwächen. Also Schwerkranke oder mit HIV infizierte Personen. Auch bei Transplantationen liegt eine Gefährdung vor, weil diesen Patienten Medikamente einnehmen, welche das Immunsystem schwächen, um der Gefahr einer Abstoßung des Transplantates durch das Immunsystem des Körpers entgegenzuwirken. In Schweden, Norwegen, Niederlande und Dänemark fallen die Resistenzquoten weit besser aus, weil hier weniger großzügig verschrieben wird.
Weil Bakterien Resistenz-Gene untereinander austauschen, werden die in den Krankenhäusern „gehegten“ antimikrobiellen Resistenzen über Patienten, Pflegepersonal und Besucher in die umliegenden Gemeinden verbreitet.
Eine weitere wichtige Ursache für die immer schnellere Verbreitung von Resistenzen ist die Verwendung von Antibiotika zum prophylaktischen Einsatz und als Wachstumsförderer in der landwirtschaftlichen Tierzucht. Mehrere europäische Länder haben diese Praktik deshalb in der Massentierhaltung zur Nahrungsmittelerzeugung seit Mitte der 90er Jahre untersagt. In Folge konnte die Resistenzrate zwar reduziert werden, dennoch bleibt die Ausbreitung der Resistenzen besorgniserregend (Wegner, H. C. Cur. Opin. Microbiol. 6, 439-445, 2003). Ab 2006 sind sogenannte Leistungsverstärker oder Mastbeschleuniger EU-weit verboten. Infektionen am Vieh dürfen weiterhin mit Antibiotika behandelt werden. Trifft es ein Geflügel, darf die gesamte Herde gleichzeitig behandelt werden. Die Schlachtung darf jedoch erst nach einer gewissen Zeit erfolgen, in der das Tier die Medikamente abgebaut hat.
Über Dekaden wendeten Landwirte Antibiotika an bei Rindern, Schweinen und Geflügel. Dies geschah, um Infektionen in der Massentierhaltung abzuwehren. Auch fördern die Mittel den Fleischansatz der betroffenen Tiere. Durch das Abtöten der natürlichen Bakterien im Stall konnten sich resistente Bakterien erhalten und - da sie ihre mutierten Gene an die Tochtergeneration weitergeben - großflächig unter dem Zuchtvieh vermehren. Besonders über den Genuß roher Eier und ungenügend gebratenes Fleisch kommt es zur Infektion von Menschen. Weitere Übertragungen fanden sich bei Fisch, Meeresfrüchten, Honig, Müsli. Vereinzelt kam es auch zu Übertragungen über Nutzpflanzen, welche mit der Gülle von mit Medikamenten behandelten Tieren gedüngt wurden. Resistente Keime finden sich teilweise auch im Trinkwasser.
Gegen manche Antibiotika bilden sich schneller Resistenzen als gegen andere. So bilden sich z. B. gegen Makrolide schnell Resistenzen, weil sie nur ein bestimmtes Enzym (die Translokase) hemmen (Einschritt-Resistenzmuster). Ist die Translokase mutiert, wirken sie u. U. nicht mehr. Deshalb gibt es gegen Makrolide bereits zunehmend Resistenzen, obwohl sie erst in den 90er Jahren entwickelt wurden. Dagegen greift Penicillin an sechs verschiedenen sog. Penicillin-binding-Proteins an. Es wird heute noch für viele Indikationen verwendet, obwohl es schon seit Jahrzehnten existiert.
Beunruhigend ist, dass Resistenzen gegen Vancomycin auftreten, welches aufgrund seiner Zuverlässigkeit - aber auch der Nebenwirkungen - als letztes Mittel (last resort antibiotica) und ultimative Waffe auch gegen die hartnäckigsten Krankenhaus-Keime galt. 1986 wurde das erste Vancomycin-resistente Darmbakterium entdeckt, 1997 trat dann der erste teilweise resistente Stamm von S. aureus auf, der ernste Wund- und Operationsinfektionen verursacht. In den USA wurde erstmals 2002 über den ersten vollständig Vancomycin-resistenten S. aureus-Stamm berichtet. Mittlerweile gibt es S. aureus-Stämme (MRSA), die gegen nahezu alle Antibiotika resistent sind und deren Ausbreitung als gewiss gilt. Das Auftauchen solcher Bakterienstämme macht Ärzte und Wissenschaftler pessimistisch, da offenbar Krankheitserreger in der Lage sind, Resistenzen gegen praktisch alle Typen von Antibiotika zu entwickeln, und zu befürchten ist, dass sie dies im Laufe der Zeit auch tun werden. Die ultimative Folge: schwer behandelbare Formen besiegt geglaubter Krankheiten wie Tuberkulose oder Cholera tauchen an vielen Orten der Welt wieder auf. Gleichzeitig liefert die Pharmaindustrie nicht genügend neuartige Antibiotika nach, mit denen diese Krankheiten erfolgreich bekämpft werden könnten, da sich damit (noch) zu wenig Profit erzielen lässt: von 506 Medikamenten, die sich 2004 bei den 15 größten Pharmaunternehmen der Welt in späten klinischen Testphasen befanden, handelte es sich nur bei sechs um neue antibakterielle Medikamente - alles Derivate von bekannten Antibiotika. Fachleute warnen davor, dass diese Situation zu einer weltweiten Krise bei der Behandlung von Infektionskrankheiten eskalieren könnte (Nature, Vol 431, S. 892, 2004).
Bisweilen setzt man Kombinationen von Antibiotika ein, um die Entwicklung von Resistenzen unwahrscheinlicher zu machen und die Wirkung zu verstärken. Dabei gilt als Faustregel, dass bakterizide Antibiotika meistens nicht mit nur bakteriostatischen Antibiotika kombiniert werden sollen, weil diese durch langsameres Bakterienwachstum die bakterizide Wirkung schwächen würden. Dagegen ist es sinnvoll, denselben Stoffwechselweg an unterschiedlichen Stellen zu hemmen. Deshalb kombiniert man Sulfonamide mit anderen Folsäureantagonisten.
Laut Franz Daschner, von der Universität Freiburg dauert es 10 Jahre, bis ein Wirkstoff auf den Markt kommt. Bis ein Bakterium erste Resistenzen zeigt, vergehen in der Regel nur 6 bis 12 Monate.
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